Die Franzosen packen zusammen und ich wache langsam auf. Der starke Regen und Sturm hat nachgelassen aber der Nebel ist immer noch sehr suppig. Die Franzosen, die von der anderen Seite hochgekommen sind, warnen vor dem Weitergehen bei diesem Nebel, da die Markierungen der vor mir liegenden Gletscherüberquerung weit auseinander liegen. Also nehme ich erstmal ein ausgiebiges Frühstück und räume ein bisschen in meinem Rucksack rum.
Gegen Mittag lichtet sich der Nebel. Die Sicht wird deutlich besser und ich breche kurzer Hand auf. Regen peitscht mir ins Gesicht. Alles ist feucht und unangenehm kühl.
Die Markierungen sind durchwegs gut zu erkennen. Höhepunkt ist die Überquerung des Gletschers. Ein Erlebnis das schnell zum rutschigen Kraftakt. Die Anstrengungen vom Vortag spüre ich noch in den Knochen. Manchmal hört der Regen auf, der Nebel - der immer noch die Fernsicht beschränkt - lichtet sich und gibt ein Stück dieser grandiosen Landschaft preis. Kein Baum, kein Strauch, keine "Farbe". Nur Steine, Sand und Geröll. Ich fühle mich wie in einer Mondlandschaft. Krater, Seen, Gletscher um mich herum lassen alle Qualen und Schmerzen vergessen. Hier könnte man ohne weiteres eine neue "Herr-der-Ringe"-Episode drehen.
Der Abstieg nach Thörsmörk erweist sich jedoch auch heute wieder als enorme Herausforderung. Da ich so spät am Mittag aufgebrochen bin, ist jetzt um 16:00 Uhr noch immer kein Ende in Sicht. Laut GPS sind noch 7 km (Luftlinie) und 500 Höhenmeter zu überwinden - eine Menge für meine schwachen, müden Knochen. Der Abstieg führt zunächst über große bemooste Flächen und steinige Plateaus, wird aber mehr und mehr zur Kletterpartie. Teilweise schwierige Teilstücke notdürftig mit Ketten gesichert (dessen Stützen oftmals aus der Wand gerissen sind) wird die Kletterei mit dem Rucksack kräfteraubend und ich komme nur sehr langsam voran.
Um 19:00 Uhr bin ich immer noch unterwegs und das Ende ist immer noch nicht in Sicht. Jede Gelegenheit, die es erlaubt den schweren Rucksack gefahrlos abzusetzen nehme ich wahr.
Auch die ständige, verzweifelte Suche nach einer geeigneten Zeltmöglichkeit bleibt - entweder wegen schlechten Zeltuntergrunds oder wegen fehlendem Frischwasser - erfolglos.
Mittlerweilen haben mich auch die "Stuttgarter" eingeholt, die ebenfalls große Mühe mit dem Weg haben zu scheinen.
Eine waghalsige, ungesicherte Kletterpartie auf einem steilen Grat mit dem schweren Rucksack gibt mir dann den Rest - Pause! Von Weitem kann man von hier schon Thörsmörk erkennen. Da unten, da muss ich noch hin.
Etliche Klettereien, Seil- und Kettensicherungen später wird der Weg endlich flacher, sicherer und immer mehr mit Bäumen (!!) umsäumt.
Um 21:20 Uhr erreiche ich das Tal der Krossá und lasse mich samt Rucksack ins Gras fallen. Die verbleibenden 2 Kilometer bis Thörsmörk schaffe ich nicht mehr! Mit letzter Kraft schlage ich mein Zelt in einem kleinen Wald aus Büschen auf. [GPS 63° 40,670 N / 19° 28,288 W / 329 m ü. NN]
Die ersten Regentropfen fallen, als ich mir Spaghetti Napoli koche.
Nachts zieht ein Sturm auf, dass ich mir Sorgen um das Zeltgestänge mache. Hoffentlich hält das Zelt diesem starken Sturm und Regen aus. Es wird eine unruhige Nacht.
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