And the weather? - Ein Erklärungsversuch
Samstag, 28. Januar 2006

Gleich mal das Wesentliche vorweg: Diese Woche ist nicht gerade viel geschehen, was eines aktuellen Berichts wert wäre. Die Arbeit in meinem Praktikum ist zwar immer noch genügend, lässt aber endlich wieder ein bisschen mehr Spielraum für Freizeit und Unternehmungen.

 

Zum Beispiel Freibad: Einfach herrlich im "heitur pottir" zu sitzen, Wasser schön warm, Außentemperatur schön kalt und in den Sternenhimmel blinzeln.
Oder am tiefschwarzen Sandstrand am Leuchtturm Grótta in Seltjarnarnes (was sozusagen "gleich ums Eck" von hier aus ist) entlangschlendern.
Und für (hoffentlich bald kommende) schöne Tage mal ein paar schöne Ausflüge austüfteln. Wobei die Wettervorhersage mit einer dicken dunkel-grauen Regenwolke über Island doch diese Vorhaben bis auf Weiteres "ins Wasser" fallen lässt.

Das Wetter in Island scheint doch eine ziemliche Eigenart für sich zu sein. Das wissen auch die Isländer. Oft eine der ersten Fragen, die man hier gestellt bekommt: "How do you like Iceland?" Dicht gefolgt von: "And the weather?"

 

Nachdem ich nun den Eigenarten des isländischen Wetters fast 6 Monate ausgesetzt war, hier ein kleiner Erklärungsversuch (frei nach dem Motto "Ein Klugschiss aus Island").

Das isländische Wetter ist vor allem eines - wechselhaft. Temperaturunterschiede von 10°C innerhalb eines Tages sind keine Seltenheit und sind Folge von sich ändernden Windrichtungen.
Das isländische Wetter wird vor allem durch die vorherrschende Windrichtung bestimmt. Wind aus südlicher Richtung prophezeit gemäßigte Temperaturen (im Winter zwischen 5°C und 10°C) und - vor allem an der Südküste - ausgiebige Regenschauer. West- oder Ostwind beschert etwa gleiche Temperaturen, jedoch weniger Regen.
Diese drei Windlagen wechseln sich besonders schnell ab, so sind viele Tage besonders "durchwachsen" und es wechselt sich mehrmals täglich Sonne und jede erdenkliche Art von Regen ab.

Sobald allerdings Wind aus nördlicher Richtung angekündigt wird, ist eine vollständige Änderung der Wetterlage zu erwarten (und das trifft eigentlich immer zu). Die Tage werden kälter und trockener. Regen (oder im Winter Schnee) fällt weitaus weniger als bei Süd-, West- oder Ost-Winden.
Der Nord-Wind bläst stärker als die drei Regen-Winde und dann auch noch wirklich eiskalt. Viele Isländer bezeichnen diese Wetterlage liebevoll als "gluggaveður" ("window-weather", weil man lieber drinnen im Warmen sitzt und das schöne Wetter von dort aus genießt): meist herrlicher Sonnenschein und klirrend kalt.
Die tatsächliche Temperatur liegt dabei zwischen -1°C und -10°C, allerdings mit einem bemerkenswert hohen Windchill-Faktor. Für alle, die nicht bei wikipedia nachschlagen wollen: Der Windchill-Faktor beschreibt den Unterschied zwischen der gemessenen Lufttemperatur und der gefühlten Temperatur in Abhängigkeit von der Windgeschwindigkeit.

Stellen wir uns vor es setzt schöner Nordwind ein. Für mich oft "Ausflugswetter". Raus aus der Stadt, das Auto-Thermometer zeigt -6°C an und ein kräftiger Wind rüttelt am Fahrzeug. Die gefühlte Temperatur (besonders außerhalb der geschützten Häuserschluchten Reykjaviks) liegt dann etwa bei -13°C bis -28°C - tagsüber wohlgemerkt. Da wird's auch mit dicker 66°-North Mütze, Fließpulli, Windjacke und drei Paar Socken richtig kalt.
Der kalte Wind sucht sich jedes noch so kleine Loch und lässt einen bitterlich zittern. Die dicken Winterpullis, die bei in deutschen Wintern so schön wärmen, sind für null-und-garnix zu gebrauchen. Die aktuellen Tages-Temperaturen in Deutschland (-10°C) werden bei hiesiger gefühlter Temperatur (dank des niedrigen Windchill-Faktors in Deutschland) als angenehm warm empfunden.

Sobald sich allerdings die Windrichtung wieder deutlich ändert, setzt auch wieder warmes Regen- und Tauwetter ein.

Und so zieht sich der isländische Winter dahin. Paar Tage Nordwind, schöner Schnee, Sonne, Winterklamotte. Dann dreht der Wind: Regen, es taut, Frühlingsklamotte. Irgendwann kommt wieder Nordwind: Der ganze angetaute Schnee gefriert, Sonne, Winterklamotte. Dann dreht der Wind ... Frühlingsklamotte.

Kommentare zu diesem Eintrag


Kann ich mir gut vorstellen :)
kommentiert von Robert | Sonntag, 29-01-06 14:38


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