Praktikum
Ja, ich weiß - der letzte Eintrag liegt schon wieder eine Ewigkeit zurück. Dafür heute aber mehr, ausführlicher und länger.
Ganz überraschend ist meine Firma zu einer Vereinbarung mit der französischen Firma gekommen, dessen Vertreter im November schon mal hier war. Überraschend - so hatte ich den Eindruck - für fast alle Mitarbeiter. Überraschend vor allem dahingehend, da unser Chef und ich nicht mehr an den Erfolg der langwierigen Telefonate und E-Mails geglaubt hatten. Und nun ging alles so schnell. Die Software-Plattform für unser Praktikumsprojekt wurde direkt von Frankreich aus installiert. Sonntagabend ist ein "Project-Manager" angereist, der in der Vorweihnachtswoche zum einen die Installation vervollständigte, zum anderen Melita und mir eine umfassende Schulung für das Computer-Programm verpasst hat.
Nachdem die betrieblichen Räumlichkeiten doch etwas beschränkt (und größtenteils mit Geräten voll gestellt sind) hatten wir also in letzter Minute noch einen Seminar-Raum der Universität zu einem Computer-Schulungsraum mit Hochgeschwindigkeits-Internet-Verbindung, Beamer und TV umfunktioniert. Von Montag bis Freitag brach somit der harte Arbeitsalltag herein: von 08:00 bis spät in die Nacht Schulung, danach natürlich noch "Business-Dinner". Weihnachtsgeschenke kaufen fiel somit also flach. Entschädigt wurde ich allerdings mit verführerischen Köstlichkeiten aller Art: Weihnachtliches Jólahlaðborð-Buffet im Edel-Restaurant Lækjarbrekka in der Innenstadt (was es gekostet hat, weiß ich nicht ... allerdings hat die Flasche 0,3L-Weihnachts-Bier 980ISK=13EUR gekostet), Fisch im angesagten Fisch-Restaurant Þrír Frakkar, Dinner im Grand-Hotel und einmal - weil wirklich bis spät geschuftet - kistenweise "Dominos"-Pizza.
Die Strapazen des langen Tages waren dann bei so feiner Küche schnell vergessen und motivierten für den nächsten Tag. Seit Freitag nun hat uns der nette Franzose verlassen und wir stehen ganz alleine vor dieser Riesen-Software-Lösung. Ich sehe, die Tage "zwischen den Jahren" - wie man so schön sagt - werden nicht gerade ruhig.
Vorweihnachtszeit
Die Vorweihnachtszeit ist somit ganz schnell auf seinen Höhepunkt zugerast. Vorweihnachtszeit in Island heißt vor allem - für jeden schnell sichtbar - Weihnachtsdeko, Weihnachtsmützen, Weihnachtsmusik, Weihnachtsessen und üppige Weihnachtsbeleuchtung. Je näher Heiligabend rückt, desto heller ist die Stadt mit Weihnachtsdeko erleuchtet. Pünktlich zum Fest ist dann jeder Laternenpfahl, jeder Baum, jeder Busch, jedes Fenster, jeder Eingang und jedes Schaufenster mit üppiger Weihnachtsdeko und -beleuchtung ausgestattet. Wirklich schön. Ich habe die Weihnachtszeit hier richtig genossen. Weihnachten ohne Ende, überall!
Und weil es sicherlich mehr Leuten so geht, wie mir, haben die Geschäfte in der Vorweihnachtszeit bis 22:00 Uhr geöffnet.
Þorláksmessa
Einer besonderen Bedeutung kommt in der Vorweihnachtszeit der 23. Dezember zu: Þorláksmessa. Ist ja schließlich der letzte Tag vor dem "großen Fest" und da will noch einiges vorbereitet werden.
In vielen Betrieben ist Mittag Schluss (so etwa auch bei mir, als am frühen Nachmittag schon einige verschwanden). Grund liegt - zumindest bei denen die aus meinem Betrieb in die Weihnachtstage gegangen sind - in der Küche: kæst skata. Leichter zu merken ist wohl das zutreffendere Wort "Gammelrochen".
Dabei ist der Rochen eigentlich völlig ungenießbar, weil er seinen Harnstoff nicht in einer Harnblase speichert, sondern im eigenen Fleisch ablagert. Wie schon erwähnt: eigentlich ungenießbar. Aber eben nur eigentlich. Unser Admin war früher jahrelang auf einem Fischerboot unterwegs und er hatte mir berichtet, wie die Weihnachtsdelikatesse zubereitet wird: Erstmal hängt man den Fisch an Deck. Nicht zu kurz, das sei wichtig. Mindestens vier Wochen. Dann spült man mit Wasser so bisschen grob das ganze vergammelte Fleisch weg und packt den Fisch in ein Fass mit Salz. Dann wartet man nochmal geduldige Wochen bis Monate.
Und nach monatelanger Warterei ist das Essen auch schon fertig: klein schnippeln und warm machen. Nachdem der Fisch dann doch schon vor etwas längerer Zeit erlegt wurde, ist der Geruch auch ein bisschen "streng". Gelinde gesagt ist der Ausdruck "streng" noch sehr mild. Nachts am Tag vor Þorláksmessa, nach meiner Arbeit und dem ausgiebigen Abendessen, bin ich an einer (geschlossenen) Fischbude vorbeigelaufen und mich hätte fast der Schlag getroffen. Aber zum Glück hat mir ja jemand erklärt, welcher wohliger Duft sich da gerade in meiner Nase breit macht.
Viele Frauen sehen das wohl auch so und verbieten ihren Männern die Zubereitung von kæst skata in der weihnachtlichen Küche. So bieten viele Restaurants an diesem Tag diese Spezialität als Mittagstisch an.
Mit Gammelrochen im Bauch gehen viele also weiter in die Weihnachtsvorbereitungen: Baum kaufen, aufstellen schmücken, Friseur (man will ja hübsch sein), Klamotten kaufen (nicht dass einen der Jólaköttur erwischt), Bücher einkaufen (in Island ist es Tradition, dass man mindestens ein Buch bekommt) und sonstige Geschenke einkaufen.
Und weil bei so einem straff gesteckten Zeitplan das Ganze ja nicht zu schaffen wäre, haben die Geschäfte heute bis spät in die Nacht auf.
Die Einkaufsstraße in der Innenstadt - der Laugavegur - wird für den Autoverkehr gesperrt und Massen schieben sich die Straße vor und zurück. Bepackt mit Tüten, Taschen, Kisten und Kartons.
Dazwischen noch die alljährliche Fackel-Prozession, die natürlich auch über den Laugavegur führt.
Ich nutze die Zeit noch einige letzte Geschenke zu besorgen und einzupacken und genieße ein bisschen die Weihnachtshektik.
Jól
Weihnachten läuft in Island dann eigentlich fast so ab, wie zu Hause in Deutschland auch. Weihnachtsbaum, Geschenke, Kirche und Bescherung ist am 24. Dezember am Abend.
Traditionell beginnt der Heilige Abend hier um 18:00 Uhr. Und zwar genau um 18:00 Uhr. Um die Feierlichkeiten einzuleiten, stellen die staatlichen Radio-Sender um 17:50 Uhr ihr Radioprogramm ein und senden für 10 Minuten nichts - gar nichts. Ruhe. Kein Ton. Um 18:00 Uhr beginnt dann die Übertragung mit Glockenläuten. Der Weihnachtsabend hat begonnen: Abendessen, Weihnachtsgedichte, Tanzen um den Weihnachtsbaum, viele (hier in der Regel wirklich sehr viele!) Geschenke auspacken und dann in die Kirche zur Mitternachtsmesse. So sieht für viele Reykjaviker der Weihnachtsabend aus.
Wenn wir das Tanzen um den Weihnachtsbaum mal weglassen, habe ich eigentlich den Weihnachtsabend ähnlich verbracht. Essen, Weihnachtsmusik (nein, nicht selbst gesungen - Radio), Geschenke und dann in die Hallgrímskirkja zur Mitternachtsmesse. Dort habe ich zwar sehr wenig verstanden, trotzdem die Atmosphäre der riesigen Orgel und den Chor genossen.
Die beiden Weihnachtstage bleiben für mich - und auch hier - arbeitsfrei. Gleðileg jól!
Am Rande bemerkt: Neues vom Gelben Riesen Deutsche Post
Wohl scheint es für die Logisit-Experten eine kleine Herausforderung zu sein, Pakete ins Ausland zu versenden (und dort wieder zu finden). Mein Paket - aufgegeben am 10. November - bleibt spurlos verschwunden, obwohl es nach 15 Werktagen hätte wieder zum Absender zurückkommen müssen. Ratlosigkeit beim Nachforschungszentrum des Logistik-Unternehmens.
Mittlerweilen ist auch ein zweites Paket verschwunden: ein Weihnachtspaket an Melita und mich - aufgegeben am 11. Dezember - steht (obwohl die Lieferdauer in der Weihnachtszeit von der Post auf max. 5 Werktage angegeben wurde) in Frankfurt und wartet auf einen freien Flieger. Schön, wenn man 20 EUR Aufpreis für Luft-Beförderung bezahlt hat. Die Post sollte sich mal was schämen! Ab in die Ecke!!

